Zur Situation in Rojava

Ani­ta Sta­ros­ta hat am 20. Novem­ber für das med­ico-Rund­schrei­ben 4/2019 einen Bericht zur Situa­ti­on in Roja­va nach dem tür­ki­schen Angriff auf die Regi­on ver­fasst, den wir an die­ser Stel­le doku­men­tie­ren.

Ende eines kurdischen Neuanfangs

Die Inva­si­on der Tür­kei in Roja­va hat die vor­erst letz­te Chan­ce auf eine demo­kra­ti­sche Ent­wick­lung in Tei­len Syri­ens bru­tal zer­schla­gen. Von Ani­ta Sta­ros­ta

Eigent­lich hät­te hier ein ande­rer Text begin­nen sol­len: ein Text über die Ent­wick­lun­gen, die die med­ico-Part­ner­or­ga­ni­sa­tio­nen und die Selbst­ver­wal­tung in Nord­sy­ri­en allen Wid­rig­kei­ten zum Trotz im Lau­fe der letz­ten Jah­re auf den Weg gebracht haben. So hät­te der Text von den Fort­schrit­ten beim Auf­bau einer Basis­ge­sund­heits­ver­sor­gung für alle Men­schen berich­tet, die in die­ser mul­ti­eth­ni­schen Regi­on ihr Zuhau­se haben oder Zuflucht fan­den. Womög­lich hät­te der Text dies am Bei­spiel des Kran­ken­hau­ses in Ra‘s al-‘Ain (kur­disch: Serê Kani­yê) ver­deut­li­chet. Das in Gefech­ten mit der al Nus­ra Front ehe­dem schwer beschä­dig­te Gebäu­de ist mit viel Mühe reno­viert und aus­ge­stat­tet wor­den. Noch vor Kur­zem wur­den Besucher*innen stolz die neu­en OP-Räu­me und Kran­ken­zim­mer gezeigt. In der Gesund­heits­aka­de­mie eine Eta­ge dar­über lern­ten jun­ge Stu­die­ren­de das medi­zi­ni­sche Hand­werk. Man hät­te in dem Text auch auf die Wai­sen­häu­ser in Derik und Koba­ne ein­ge­hen kön­nen, wo Sozialarbeiter*innen mit Kin­dern arbei­te­ten, die im Krieg ihre Eltern ver­lo­ren haben, und zuge­wandt ver­sucht wur­de, trotz allem erleb­ten Grau­en Zuver­sicht wach­sen zu las­sen. Sicher wäre der Text auch auf die Anstren­gun­gen der kur­di­schen Selbst­ver­wal­tung und der loka­len Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen ein­ge­gan­gen, einen Umgang mit den (inter­na­tio­na­len) IS-Anhän­ger* innen zu fin­den, für die sie in Flücht­lings­la­gern und Gefäng­nis­sen Ver­ant­wor­tung über­neh­men muss­ten, wäh­rend sich der Rest der Welt eben die­ser ent­zog.

Vie­les wäre zu erzäh­len gewe­sen von dem Bemü­hen, ein frei­heit­li­ches und demo­kra­ti­sches Gemein­we­sen zu bil­den, von dem letz­ten gül­ti­gen Ver­such, den Sta­tus quo zu über­win­den und anstatt ein auto­ri­tä­res und gewalt­tä­ti­ges Regime zu stüt­zen eine demo­kra­ti­sche Alter­na­ti­ve auf­zu­bau­en, in der alle eth­ni­schen und reli­giö­sen Min­der­hei­ten ihren Platz fin­den.

Komplett neue Vorzeichen

Doch die Rea­li­tät hat die­se Absicht über­rollt wie Pan­zer die Gren­ze. Mit Beginn der tür­ki­schen Mili­tär­of­fen­si­ve am 9. Okto­ber 2019 ist die poli­ti­sche und huma­ni­tä­re Kata­stro­phe wahr gewor­den, die die Men­schen in Nord­sy­ri­en befürch­tet haben und vor der auch med­ico immer wie­der gewarnt hat. Krieg statt Roja­va.

Das Kran­ken­haus in Ra‘s al-‘Ain ist in die Hän­de von isla­mis­ti­schen Mili­zen gefal­len, vie­le ande­re müh­sam geschaf­fe­ne Gesund­heits­ein­rich­tun­gen lie­gen in den Gebie­ten, die plötz­lich von tür­ki­schen Söld­nern besetzt sind, oder in dem 30 Kilo­me­ter tie­fen Strei­fen, in dem nun rus­si­sches, syri­sches und tür­ki­sches Mili­tär patrouil­liert. Die Ärzt*innen, Pfleger*innen und Stu­die­ren­den aus Ra‘s al-‘Ain und vie­le ande­re sind im Kriegs­ge­biet oder bei der Ver­sor­gung von Flücht­lin­gen im lebens­ge­fähr­li­chen Ein­satz. Man­che sind unter Rake­ten­be­schuss gestor­ben oder wur­den ent­führt und ermor­det. Das Wai­sen­haus in Koba­ne wur­de eva­ku­iert. Vor­läu­fig been­det ist die erzie­he­ri­sche Arbeit mit gefan­ge­nen IS-Ange­hö­ri­gen. Aktu­ell geht es nur dar­um, wei­te­re Aus­brü­che zu ver­hin­dern. Beson­ders in den Camps Ain Issa oder al Hol ist die Situa­ti­on ange­spannt, aus dem Lager in Ain Issa konn­ten nach einem tür­ki­schen Angriff Hun­der­te aus­län­di­sche IS-Anhän­ge­rin­nen mit ihren Kin­dern flie­hen.

In dem, was die­ser Text jetzt zu erzäh­len hat, geht es also nicht mehr um Per­spek­ti­ven. Es geht ums Über­le­ben. Dahin ist die rela­ti­ve Ruhe und Sicher­heit in Nord­sy­ri­en. Bis heu­te gab und gibt es kei­ne Waf­fen­ru­he, weder wäh­rend der Ver­hand­lun­gen zwi­schen Russ­land, dem Assad-Regime und der Tür­kei, noch jetzt, nach der Eini­gung auf die tür­kisch-rus­si­schen Patrouil­len in der Puf­fer­zo­ne ent­lang der Gren­ze. Auch heu­te noch muss zum Bei­spiel das Kran­ken­haus in der Stadt Tel Tamer – der zen- tra­le Ort für die Erst­ver­sor­gung der Ver­letz­ten – immer wie­der eva­ku­iert wer­den, zu nah rücken isla­mis­ti­sche Mili­zen, die unter Füh­rung der Tür­kei ope­rie­ren und das Gebiet zwi­schen Tall Abyad (Girê Sipî) und Ra‘s al-‘Ain (Serê Kani­yê) beset­zen. Auch das ist Teil des mit Russ­land und Assad geschlos­se­nen Abkom­mens. Und inmit­ten die­ser poli­ti­schen Kata­stro­phe sind min­des­tens 300.000 Men­schen auf der Flucht und müs­sen ver­sorgt wer­den.

Von der Ber­gung von Kriegs­ver­letz­ten über die Eva­ku­ie­rung gan­zer Land­stri­che bis zur Ver­tei­lung lebens­wich­ti­ger Güter an Geflüch­te­te: Seit dem 9. Okto­ber sind die Nothelfer*innen der med­ico-Part­ner­or­ga­ni­sa­ti­on Kur­di­scher Roter Halb­mond im Dau­er­ein­satz. Sie küm­mert sich um acht regu­lä­re Flücht­lings­camps in der Regi­on und etli­che infor­mel­le Ansied­lun­gen mit über hun­dert­tau­send Bin­nen­ver­trie­be­nen aus Syri­en und über zehn­tau­send inter­na­tio­na­len IS-Anhänger*innen samt Kin­dern. Zwar gewähr­leis­ten das UN-Flücht­lings­hilfs­werk und die Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on dort eine rudi­men­tä­re Basis­ver­sor­gung, vie­le inter­na­tio­na­le Hilfs­or­ga­ni­sa­tio­nen aber haben sich aktu­ell zurück­ge­zo­gen – zu groß die Angst vor den Fol­gen der Prä­senz des syri­schen Regimes, dem Wie­der­erstar­ken des IS und der näher rücken­den Front. Auch in die­ser Hin­sicht wer­den die Helfer*innen vor Ort allei­ne gelas­sen. Die Ver­sor­gungs­la­ge ist schon jetzt mehr als pre­kär. Und nun bricht der Win­ter her­ein.

In einer ers­ten Hilfs­maß­nah­me hat med­ico mit Spen­den­gel­dern den Kur­di­schen Roten Halb­mond beim Kauf von Medi­ka­men­ten zur Behand­lung chro­ni­scher Krank­hei­ten von Geflüch­te­ten unter­stützt. Zudem wird der Betrieb der zwei zen­tra­len Kran­ken­häu­ser in Tel Tamer und Hasa­keh auf­recht­erhal­ten. Hier­her sind die meis­ten Kriegs­ver­letz­ten gebracht wor­den. Der Kur­di­sche Rote Halb­mond ver­fügt momen­tan über 54 Ret­tungs­wa­gen, für rund die Hälf­te hat med­ico die lau­fen­den Kos­ten über­nom­men, vom Treib­stoff bis zur Repa­ra­tur. Vor­an­ge­trie­ben wird auch der Aus­bau sani­tä­rer Anla­gen und des Abwas­ser­sys­tems in 39 Not­un­ter­künf­ten in der Stadt Hasa­keh. Zehn­tau­sen­de Flücht­lin­ge kom­men zur­zeit in Schu­len oder ande­ren öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen unter. Weil der Platz nicht reicht, wer­den jetzt Camps aus­ge­baut und neue errich­tet. Aktu­ell wird das Flücht­lings­la­ger New­roz mit Unter­stüt­zung von med­ico erwei­tert und ein Camp an der Stra­ße von Tel Tamer nach Hasa­keh errich­tet – allein die­ses soll 30.000 Fami­li­en Zuflucht bie­ten. In einem öffent­li­chen Appell hat sich der Kur­di­sche Rote Halb­mond an inter­na­tio­na­le NGOs mit der Bit­te um Unter­stüt­zung für die­ses Camp gewandt. Bis­her sind sie dort allei­ne.

Die Bei­spie­le zei­gen, wie wich­tig die fort­lau­fen­de, soli­da­ri­sche Unter­stüt­zung der loka­len Helfer*innen ist und wie groß auch der Hilfs­be­darf in den nächs­ten Wochen sein wird. Sie zei­gen aber auch, dass eigent­lich geplan­te Pro­jek­te wie der Auf­bau eines Kin­der­kran­ken­hau­ses in Hasa­keh vor­läu­fig aus­ge­setzt sind. Aku­te Not­hil­fe ist, was gera­de zählt.

Ob die Geflüch­te­ten jemals wie­der in ihre Hei­mat­or­te zurück­keh­ren kön­nen, ist mehr als unge­wiss. Ein Leben unter tür­ki­scher Besat­zung, wie zwi­schen Russ­land, der syri­schen Regie­rung und der Tür­kei für einen Teil der umstrit­te­nen Regi­on ver­ein­bart wur­de, ist vor allem für einen Groß­teil der kur­di­schen Bevöl­ke­rung kei­ne Opti­on. Hin­zu kom­men die Ankün­di­gun­gen Erdoğans, 1,2 Mil­lio­nen in der Tür­kei gestran­de­te syri­sche Flücht­lin­ge in Nord­sy­ri­en ansie­deln zu wol­len. Durch die Ver­trei­bung und eth­ni­sche Säu­be­rung der bis dato vor­wie­gend kur­di­schen Gegend schafft die Tür­kei Fak­ten. Ziel ist eine demo­gra­phi­sche Neu­ord­nung der Regi­on. Flücht­lin­ge gegen ihren Wil­len in völ­ker­rechts­wid­rig besetz­ten Gebie­ten anzu­sie­deln, ist eine ekla­tan­te Ver­let­zung der Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on. Hin­zu kommt: Mit einer Ansied­lung von Syrer*innen, die in die Tür­kei geflo­hen waren, dro­hen auch vie­le wie­der unter die Kon­trol­le des Regimes zu gera­ten, die sich die­sem aus guten Grün­den durch Flucht ent­zo­gen haben.

All die­se Ent­wick­lun­gen klin­gen auf unheim­li­che Wei­se ver­traut. Aspekt für Aspekt wie­der­holt sich, was schon Anfang 2018 in der wei­ter west­lich gele­ge­nen Regi­on Afrin geschah: eine völ­ker­rechts­wid­ri­ge, gegen die kur­di­sche Selbst­ver­wal­tung gerich­te­te Inva­si­on der Tür­kei auf syri­sches Ter­ri­to­ri­um; eine Flücht­lings­wel­le mit desas­trö­sen huma­ni­tä­ren Fol­gen; sys­te­ma­ti­sche Ver­trei­bung und die Pla­nung einer eth­ni­schen Umsied­lungs­po­li­tik. In der Regi­on siegt die Macht der Stär­ke­ren. Alle Mecha­nis­men einer inter­na­tio­na­len Poli­tik, die auf Völ­ker­recht beruht, ver­sa­gen. Und ob Rüs­tungs­ver­bo­te oder die Kün­di­gung von Her­mes­bürg­schaf­ten – wirk­sa­me Maß­nah­men gegen die tür­ki­sche Aggres­si­on blei­ben aus.

Antikurdische Kontinuität

Schon bei der Wei­ge­rung, die nord­sy­ri­sche Selbst­ver­wal­tung zumin­dest von den deut­schen IS-Kämp­fern und ‑Ange­hö­ri­gen zu ent­las­ten, scheu­te die Bun­des­re­gie­rung eine offi­zi­el­le Koope­ra­ti­on mit den Kurd*innen. Ähn­lich ist es bei der huma­ni­tä­ren Hil­fe. Obwohl der aku­te Bedarf vor Ort rie­sig ist und es mit dem Kur­di­schen Roten Halb­mond einen ernst­zu­neh­men­den loka­len Akteur gibt, der in allen Berei­chen der Not­hil­fe aktiv ist, schließt die Bun­des­re­gie­rung die direk­te Zusam­men­ar­beit eben­so aus wie eine über med­ico ver­mit­tel­te Unter­stüt­zung. Statt­des­sen wer­den Hilfs­gel­der über gro­ße inter­na­tio­na­le NGOs ein­ge­setzt. Die­se leis­ten zwar wich­ti­ge Basis­ar­beit, aber sind oft nicht dort, wo Hil­fe am drin­gends­ten benö­tigt wird – etwa bei Not­fall­ein­sät­zen in der Kriegs­re­gi­on oder der Beglei­tung von Flücht­lings­kon­vois. Anstatt einen Schritt auf die kur­di­sche Selbst­ver­wal­tung zuzu­ge­hen und zumin­dest ihren huma­ni­tä­ren Ein­satz anzu­er-ken­nen, ver­folgt die Bun­des­re­gie­rung die anti­kur­di­sche Linie der Tür­kei wei­ter.

Mit dem völ­ker­rechts­wid­ri­gen Angriff und der von außen bestimm­ten poli­ti­schen Neu­ord­nung ste­hen der Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zess der letz­ten sechs Jah­re und der Fort­be­stand des ein­zi­gen mul­ti­eth­ni­schen und mul­ti­re­li­giö­sen Pro­jekts in der Regi­on auf dem Spiel. Was auch immer dies für die Men­schen vor Ort bedeu­tet und wel­che Bit­ter­keit es erzeugt: Vie­le machen ein­fach wei­ter, weil der Augen­blick es ver­langt. In dem Sin­ne mag die­ser Text ande­res erzäh­len als geplant. Eines aber hat sich nicht ver­än­dert: Inmit­ten gro­ßer Not hal­ten die medico-Partner*innen und unzäh­li­ge ande­re Men­schen in Nord­sy­ri­en an der Mög­lich­keit einer fried­li­chen und demo­kra­ti­schen Zukunft fest. Roja­va statt Krieg – die Soli­da­ri­tät lebt.